Geschenkt!

An dieser Stelle findet Ihr nun neben unseren Adventsgeschichten auch einige weitere Überraschungen, wie zum Beispiel Leseproben aus unserem neuen Roman CRONOS CUBE. Schaut immer mal wieder hier vorbei, es lohnt sich!

Cronos Cube Leseprobe - Lies mich vorab!

Zack und Lachlan schlugen die Kapuzen hoch, als sie raus in den Regen traten. Lachlan wollte ihnen zwei Menüs bei Supermac kaufen und Zack willigte ein, obwohl er den Fettgeruch der Schnellrestaurants längst nicht mehr riechen konnte. Das Mädchen in der Vögelchenbluse stand draußen und rauchte. Als Zack ihren Blick auffing, grinste sie. Es war ein eindeutiges Grinsen. Ein Ruf-mich-an-oder-nimm-mich-jetzt-gleich-Grinsen. Wenn es eine Gelegenheit gegeben hätte, nach ihrer Nummer zu fragen, wäre sie das gewesen – aber er hatte Wichtigeres zu tun. Er musste Lachlan diese Idee ausreden. Er begnügte sich damit, dem Mädchen zuzuzwinkern, und folgte Lachlan in Richtung O’Connell Street, vorbei an Clubs und Pubs, kleinen Oasen der Wärme im Regen, die Musik unter das Prasseln mischten.
»Deine Mum denkt also immer noch über einen Bodyguard für dich nach?«
»Ja, ihr neues Hobby.«
»Hm.«
Vor vier Wochen hatte Mrs. Abercromby per Post einen Brief erhalten: »Seien Sie vorsichtig, jemand hat es auf Ihren Sohn abgesehen. Absender: Anonym.« Mrs. Abercromby ging damit zur Polizei, die den Brief zwar ernst nahm, jedoch unmotiviert erklärte, dass sie nichts tun könne, solange nichts passiert sei. Mrs. Abercromby wurde geraten, es zu machen wie jede andere wohlhabende Frau und sich an eine private Sicherheitsfirma zu wenden. Sie könne auch eine polizeiliche Drohne in Anspruch nehmen, die Lachlan keine Minute lang aus dem Auge lassen würde – die beste Observation, die die Polizei derzeit zu bieten hätte. Aber Lachlan hatte klargestellt, dass er da nicht mitmachen würde, und Mrs. Abercromby hatte das akzeptiert. Als sie wieder zu Hause waren, gab sie sogar zu, dass nicht nur eine Drohne, sondern auch ein Sicherheitsdienst im Haus übertrieben wäre. Ein schwarz gekleideter Mann mit Knopf im Ohr, der ums Haus herumschlich, würde zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Parkbesucher auf sich ziehen, und bislang genoss Mrs. Abercromby den Frieden, den es mit sich brachte, dass niemand in der Gegend ihre Identität als Geschäftsführerin von Gallagher Whiskey auch nur erahnte. Sie sagte daher, sie wolle sich von diesem Brief nicht aus dem Konzept bringen lassen, außerdem hätte Lachlan ja Zack und der werde schon auf ihn aufpassen, oder?
Zack nahm die Sache ausgesprochen ernst. Und wie er auf Lachlan aufpassen würde. Sie würde sich auf ihn verlassen können. Also warum dachte sie immer noch über einen Bodyguard nach? Vertraute sie ihm doch nicht?
»Ich dachte, das Thema Bodyguard wäre gegessen.«
»Dachte ich auch«, sagte Lachlan.
Zack fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Andererseits«, zischte er, »würde so ein Bodyguard vielleicht dafür sorgen, dass dir so idiotische Ideen wie die mit der D nicht in den Sinn kommen.« Er mied das Wort ›Drohne‹, weil man sich das Gerücht erzählte, dass es zu den Schlagworten gehörte, nach denen die META in den gesammelten Rohdaten suchte, um Verdächtigen auf die Spur zu kommen. Im Pub hatten sie kaum etwas zu befürchten gehabt; hier draußen aber waren Stimmen meterweit aufzuzeichnen, nicht zuletzt durch das Panoptikum auf ihren eigenen Handys.
»Wenn meine Mum mir mit einem Bodyguard kommt, zieh ich aus, das verspreche ich dir«, sagte Lachlan. »Selbst wenn ich dann in einem Wohnsilo leben muss.«
Zack dachte, dass Lachlan nicht wüsste, was er da sagte, wollte aber keine Diskussion anfangen – zumindest nicht diese Diskussion. »Das, was du vorhast, bringt dich in den Knast«, sagte er gedämpft, nachdem eine Drohne über ihre Köpfe hinweggezischt war. »Stell dir vor, was Mrs. Abercromby sagt, wenn sie kommen, um dich abzuholen und wegzubringen! Sei kein Idiot und mach keinen –«
»Ich bin nicht blöd, Zack, ich werde es natürlich nicht so machen, dass sie mich erwischen.«
»Es ist ganz einfach rauszukriegen, wer die D mitgenommen hat. Das hast du mir selber erklärt.«
»Hab ich das?«
»Du hast ein Handy, ich hab ein Handy, und auf beiden ist dieses Panoptikumding drauf, oder?«
»Ja, in der Firmware. Fest implementiert. Nicht auszuschalten, jedenfalls für die meisten Menschen«, sagte Lachlan lakonisch. »Wenn es jemandem gelingt, gerät er sofort ins Visier der META. Also nicht zu empfehlen.«
Zack wich einer Gruppe Touristen aus, die sturzbetrunken an ihnen vorbeistolperten. »Und wieso willst du es dann trotzdem machen? Die werden sofort wissen, dass du in der Nähe warst, als die Droh–, als sie gestohlen wurde. Oder sie schicken eine andere von denen, um die kaputte zu überwachen. Dann wirst du dabei auch noch gefilmt.«
Lachlan ließ sich von seinen Ausführungen nicht im Geringsten beeindrucken. »Deshalb muss es an einem Ort sein, an dem kaum Pennys unterwegs sind. Und wegen des Handys mach dir keine Sorgen.«
»Pennys?«
»Wenn ich eine gefunden hab, nenne ich sie Penny. Dann muss ich nicht die ganze Zeit darauf achten, dass ich das D-Wort nicht sage.«
Zack zog die Kapuze tiefer ins Gesicht, als sie an einer Menschentraube vorbeikamen, die vor einem Pub rauchte, umschwirrt von Drohnen. Sein Unbehagen wuchs. Die Frisbeescheiben erinnerten ihn daran, welch großen Respekt er vor dem Gesetz hatte. Immer wenn eine Drohne vorbeiflog, fühlte er sich schuldig, obwohl er nichts angestellt hatte. Er konnte es nicht ausstehen, dass sie ihn filmten und die Aufnahmen an Menschen schickten, die er nie in seinem ganzen Leben treffen würde. Was für eine unfaire, einseitige Bekanntschaft. Er war erleichtert, als sie in eine verlassene Gasse einbogen, die Temple Bar mit dem Aston Quay verknüpfte, eine der Hauptstraßen Dublins entlang der Liffey.
Die Gasse stank penetrant nach Urin, doch dafür wurde es wenigstens ruhig; Temple Bar schien kilometerweit hinter ihnen zurückzufallen. Aus der Ziegelsteinmauer ragte ein Rohr, aus dem weißer Wasserdampf wölkte. Die Fenster waren mit Eisenstreben vergittert. In der Ferne jaulte ein Rettungswagen. Zack sah zurück, ohne zu wissen, warum. Das beklemmende Gefühl, das die Drohnen ihm eingepflanzt hatten, ließ sich nicht abschütteln; als stünde er ganz dicht vor einem vorbeirasenden Zug.
»Okay, warte.« Er blieb stehen, weil er es nicht mehr aushielt; er musste mit Lachlan reden.
Lachlan hielt nur widerwillig an. »Was denn?«
»Weißt du, wie egoistisch das von dir ist?«
Lachlan spielte es herunter, natürlich. »Jetzt mach kein Drama draus.«
»Benutz dein Hirn! Was glaubst du, warum es so ein Ding noch nicht gibt?«
»Was?«
Zack senkte die Stimme und hoffte, dass sein Handy ihn dadurch nicht mehr hören konnte. »Na, eine Software, um diese Dinger fernzusteuern.«
»Weil keiner auch nur auf die Idee kommt«, erwiderte Lachlan ungerührt und ohne seine Stimme auch nur im Geringsten zu senken. »Das heißt – sie kommen bestimmt auf die Idee. Aber sie wissen, dass es riskant ist, darüber nachzudenken, also lassen sie es lieber bleiben.«
»Und sie haben recht, weil es zu gefährlich ist!«
Lachlan sah ihn störrisch an. »Du hast es nicht kapiert.«
»Ich kapier das ganz gut. Und du musst mir versprechen, dass du die Sache vergisst«, sagte Zack.
Aber Lachlan schüttelte den Kopf. »Merkst du nicht, wie diese Dinger dein Denken verändern?«
»Der Einzige, der hier nicht mehr klar denken kann, bist du! Ich hab schließlich nicht solche Ideen.«
»Es ist keine fixe Idee«, sagte Lachlan, nicht mehr ganz so ruhig. »Irgendwer muss es einfach tun.«
»Aber warum?«
»Echt jetzt, Zack?« Lachlan sah ihn ungläubig an. »Was glaubst du, wozu die Dinger hier rumfliegen? Vielleicht, um uns zu beschützen? Die klären keine Verbrechen auf, Zack. Die sind nur hier, um uns daran zu erinnern, dass wir besser nicht aus der Reihe tanzen sollten. Sonst würden sie nämlich nicht drei, sondern dreißig Meter über dem Boden fliegen und würden uns kaum auffallen.«
»Du solltest dich mal reden hören, Mann!«
»Und du dich erst. Hast du nicht die Hosen voll, weil du genau davor Angst hast: aufzufallen?«
»Unsinn.«
»Wenn du auffällst, könnten die dir noch in zehn Jahren die Zuverlässigkeit entziehen«, sagte Lachlan. »Und zwar selbst dann, wenn du längst Personenschützer wärst. Aber ohne amtliche Zuverlässigkeit dürftest du keine Waffe tragen, und ohne Waffe wärst du arbeitslos. Und genau deshalb hast du Angst davor, Mist zu bauen.«
»Jetzt warte mal ’ne Sekunde. Du willst also die Welt retten«, erwiderte Zack. »Aber das ist Schwachsinn, und du weißt das. Du bist achtzehn, du kannst gegen die META nichts ausrichten.«
Lachlan sah zur Seite.
Der Uringestank steigerte sich zu einer olfaktorischen Folter und ließ Zack heftig bereuen, sich für das Gespräch keinen besseren Ort ausgesucht zu haben. Er wollte vorschlagen, dass sie weitergingen, als Lachlan tonlos fragte: »Weißt du, warum ich so selten rausgehe?«
Zack fand die Frage irgendwie theatralisch.
»Ich halte sie nicht aus.«
»Was?«
»Diese Scheißdinger«, brach es aus Lachlan heraus. »Fühlst du das nicht? Die verhöhnen uns, Zack! Für die –«
Er unterbrach sich und griff sich an die Nasenwurzel. Zack war nicht bewusst gewesen, wie sehr Lachlan die Überwachungsdrohnen verabscheute. Warum hatten sie noch nie darüber geredet?
»Ich kann mit ihnen nicht weiterleben. Viele können das nicht. Und ich dachte immer, dass du intelligent genug wärst, das auch so zu sehen.«
Zack sah Lachlan verletzt nach, als der sich umdrehte und mit den Händen in den Jackentaschen weiterging. Er folgte ihm widerwillig.
»Was ist in letzter Zeit los mit dir?«
»Mit mir ist alles in Ordnung, wie steht es mit dir?«, antwortete Lachlan unverfroren. Hitze schoss Zack den Kragen hoch, stieg ihm in die Wangen.
»Was ist dein Problem? Die Akademie? Hast du ein Problem damit, dass ich auf die Akademie will?«
Lachlan fuhr herum, den Mund schon geöffnet. Doch ehe er ein Wort sagen konnte, kam ihm lautes Geschrei zuvor: Vom Aston Quay her drängte ein Pulk Jugendlicher in die Gasse, eine Glasflasche zerschmetterte auf dem Pflaster und Scherben schlitterten in alle Richtungen. Zwei Jungs schlugen aufeinander ein, angefeuert vom Geschrei der anderen. Zack und Lachlan starrten zu ihnen hinüber.
»Gehen wir zurück, hab keinen Bock, da mit reingezogen zu werden«, sagte Zack und drehte sich um. Aber Lachlan reagierte nicht. Er sah sich um und eilte hinter eine mannshohe Tonne, die am Eingang einer abzweigenden Gasse stand und so vor Mülltüten überquoll, dass sich ihr Deckel nicht mehr schließen ließ. Zack kam die Idee, ihn einfach allein zurückzulassen, um ihm eine Lektion zu erteilen, ihm zu zeigen, dass er mit ihm nicht umspringen konnte, wie er wollte … aber dann dachte er an Persy und sein Versprechen.
Zähneknirschend folgte er Lachlan.
»Lass uns einfach gehen, ja?«
Lachlan linste hinter der Mülltonne hervor: Schmerzensschreie; einer der Streithähne hatte den anderen in die Mangel genommen. Zack bekam ein schlechtes Gewissen, er hätte ihm zu Hilfe kommen sollen, ein Blinder sah, wie ungerecht dieser Kampf war – doch nur ein Verrückter hätte sich eingemischt. Prügeleien endeten oft wegen Körperverletzung vor Gericht. Jede Sekunde würde eine Drohne bei den Jungs auftauchen und das Beweismaterial filmen.
Und die Signale ihrer Handys auffangen, wurde es Zack siedeheiß bewusst. Und mit den Signalen ihre ID, ihre Namen, ihre Adressen – sie mussten weg hier.
»Lass uns gehen!«, zischte er Lachlan zu.
»Einen Moment noch.« Lachlan ging in die Knie und fing an, direkt unterhalb der Bordsteinkante einen in Zigarettenstummeln und Regenwasser liegenden Pflasterstein herauszufingern, der im Laufe der Jahre locker geworden war. Was sollte das jetzt werden? Zack sah hektisch hinter der Mülltonne hervor. Er wurde blass, denn es war zu spät: Eine Drohne umkreiste die Jugendlichen, die zu betrunken waren, um Notiz von ihr zu nehmen und abzuhauen.
Er begriff, was Lachlan vorhatte.
»Du Spinner!«, zischte Zack, packte Lachlan am Arm und zog ihn vom Pflasterstein weg.
»Verdammt, das ist die Gelegenheit!«, protestierte Lachlan. Zack hielt ihn fest. Sein Herz raste.
»Was ist mit deinem Handy?«, hielt er dagegen. »Ich habe meins auch dabei. Du bist nicht der Einzige, der in Schwierigkeiten geraten könnte.«
»Sieh sie dir an, Zack, sie beobachtet die Schlägerei, sie hat uns noch nicht mal bemerkt –«
»Die muss uns nicht sehen, die hat unsere Handysignale längst aufgefangen! Die META wird wissen, dass wir hier gewesen sind, wenn sie verschwindet!«
»Nein, Zack. Das wird sie nicht wissen.«
»Was redest du da?«
»Ich habe unsere Handys manipuliert und das Panoptikum ausgeschaltet. Die senden nichts mehr an die META. Weder wo wir sind noch was wir sagen.«
»Was soll das heißen, unsere Handys?«
»Es war nur ein kleiner Hack, nichts Dramatisches. Eine App, mit der ich dich über Bluetooth vom Netz nehmen kann. Deshalb kannst du auch nicht telefonieren.«
Zack stand der Mund offen.
»Ich habe sie auf deinem Handy installiert. Vor drei Tagen. Als wir heute nach Temple Bar gefahren sind, habe ich unsere Handys abgeschaltet, nur für den Fall, dass wir auf eine geeignete Penny stoßen – wie diese hier!«
»Warum weiß ich von all dem nichts?«
»Ich wollte nicht, dass du’s zu früh erfährst.«
»Und warum?«
»Weil du natürlich alles unternommen hättest, um mich davon abzuhalten!«
»Und warum hast du es mir dann heute erzählt?«
»Irgendwann musstest du es erfahren, oder?«
Lachlan hob den Pflasterstein auf. Zack war hin- und hergerissen zwischen seiner Wut auf Lachlans Leichtsinn und seiner Ehrfurcht vor so viel Entschlossenheit. Wiegend hielt Lachlan den Pflasterstein in der Hand, während er zu der Drohne hinüberlinste, die über den betrunkenen Jugendlichen schwebte. Zacks Herz fing an zu hämmern.
Er riss Lachlan den Stein aus der Hand.
»Zack!«
»Ich mach das«, sagte Zack. In ihm brach Panik aus – er musste irre geworden sein. »Du triffst das Teil nie im Leben, geh beiseite!«
Lachlan wich zurück. Die Stimme der Vernunft rief Zack zu, er sollte den Stein in die Mülltonne werfen, Lachlan packen und ihn mit Gewalt von hier wegbringen. Aber sie drang nicht zu ihm durch. Er wollte es nicht wahrhaben, weil es so gefährlich war, so dumm und gefährlich – aber in Wahrheit hasste er die Drohnen genauso sehr wie Lachlan.
Er warf.
Der Stein flog steil durch die Luft und traf die Drohne auf ihrer unteren Kuppel, zerschmetterte das Glas und riss die Kamera aus ihrer Befestigung. Er landete zwischen den Jungs, die vor Schreck auseinanderstoben. Die Drohne taumelte und verlor an Höhe.
Lachlan fummelte den Reißverschluss seiner Jackentasche auf, zog eine winzig klein gefaltete Rettungsdecke hervor und schüttelte sie knisternd auf.
»Such die Kamera!«, rief er Zack zu, zog sich die Jacke aus, sprang aus dem Versteck und warf sie über die Drohne. Zack rannte auf die Jugendlichen zu, die sie mit geröteten Augen anglotzten. Keiner war älter als vierzehn.
»Haut ab!«, brüllte er.
Sie erwachten aus ihrer Erstarrung und flüchteten um die Ecke. Zack fand die Kamera sofort, glaubte aber nicht, dass sie Lachlan noch viel bringen würde, denn sie sah total ramponiert aus. »Ich hab sie!«
Lachlan wickelte die knisternde Rettungsfolie um die Drohne und seine Jacke außenrum. Dumpf drang das Piepen durch die Stoffschichten.
»Kannst du das nicht abstellen?«, fragte Zack.
»Ich bin froh, wenn ich in weniger als einer Stunde herausfinde, wie man das Ding öffnet. Beantwortet das deine Frage? Und jetzt komm!«
Er rannte aus der Gasse, Zack folgte ihm. Es war wie das Ende einer Kette unfassbarer Zufälle, dass ausgerechnet in dieser Sekunde ein Taxi am Straßenrand anhielt. Lachlan schubste ein junges Paar beiseite, das gerade einsteigen wollte, und warf sich auf den Rücksitz. Zack knallte die Tür hinter sich zu. »Chapelizod!«, rief Lachlan.
Der Fahrer fuhr los.

Kurzgeschichte zum 4. Advent

Liesmich zu Weihnachten – eine Kurzgeschichte von Karsten Möckel

Müde und ausgelaugt fuhr Luisa den Computer hoch. Den ganzen Tag über hatte sie sich an der Uni dem Projekt zur Digitalisierung von Kleinverlagen gewidmet, und nun saß sie schon wieder am Rechner. Aber das Lektorat für die erste Liesmich-Adventsgeschichte musste eben auch noch erledigt werden. Der erste Advent stand schließlich schon vor der Tür.
Die E-Mail von Verlagsleiter Karl wollte sie zuerst ignorieren, doch der Betreff: „Kein Buch – keine Weihnachtsfeier!“ ließ sie stutzen. Da summte auch schon ihr Handy. Friedericke fragte in der geheimen WhatsApp-Gruppe „Liesmich ohne Verlagsleiter“, ob eben dieser während seines Indien-Urlaubs vor einigen Wochen zu viel Sonne abbekommen hätte. „Denkst du, der meint das ernst? Nur weil wir in diesem Jahr kein Buch veröffentlicht haben, lässt der Geizkragen die Weihnachtsfeier ausfallen?“
Obwohl der Verlag noch keine drei Jahre bestand, war es schon zu einer kleinen Tradition geworden, dass sich alle Mitstreiter am Ende des Jahres in einem schönen vegetarischen Restaurant auf Kosten des Verlags den Bauch vollschlugen. Schließlich waren die meisten Limis StudentInnen oder arbeitslos – absichtlich oder unabsichtlich. Und wenn sie schon einen Job hatten, dann arbeiteten sie meist in einem dieser prekären Arbeitsverhältnisse.
Am Montag las dann endlich auch Torben die besagte E-Mail. Als Verächter moderner Kommunikationsmittel hatte er von dem in der Zwischenzeit ausgeuferten und unterdessen ziemlich verärgerten Chatverlauf nichts mitbekommen. In einer Rundmail an alle Verlagsmitglieder äußerte er nun seinen Unmut. Und wie immer tat er dies ganz unverblümt. Außerdem forderte er vom Verlagschef, die Einladung zu einer gemeinsamen Jahresabschlussfeier sollte bitte schnellstmöglich erfolgen. Doch von Karl kam keinerlei Reaktion.

Als Stella am Vorabend des zweiten Advents ohne rechte Lust die Veröffentlichung der nächsten Adventsgeschichte vorbereitete, in die sie so viel Mühe gesteckt hatte, klingelte ihr Telefon. Anja rief aus Dresden an und fragte, ob sich die Limis – so bezeichneten sich die Liesmich-Mitarbeiter gerne selbst – das wirklich bieten lassen sollten! Als selbstständige Designerin hatte sie alle Hände voll zu tun, Aufträge an Land zu ziehen und umzusetzen. Anja konnte es sich kaum leisten, zusätzliche Zeit für die Gestaltung der Buchcover und die Bearbeitung der kurzfristigen und oft sehr vage gehaltenen Liesmich-Anfragen aufzubringen. Doch andererseits machte ihr die Mitarbeit bei diesem ungewöhnlichen Verlag auch viel Spaß. Außerdem fühlte sich Anja mit den anderen Limis freundschaftlich verbunden. „Wollen wir Karl nicht dadurch blamieren, dass wir die Feier selbst organisieren?“, fragte sie Stella.
Raik wurde gebeten herauszufinden, wie man eine Telefonkonferenz arrangiert, damit alle Limis gemeinsam die selbstorganisierte Feier besprechen konnten. Bisher hatte Karl als studierter Nachrichtentechniker diese Dinge immer in die Hand genommen, doch den konnte man in der derzeitigen Situation wohl kaum darum bitten. Obwohl Raik schon Joberfahrungen als Fahrradkurier, Rausschmeißer und Ballonverkäufer gesammelt hatte, musste er passen. Zu unterschiedlich waren die technischen Möglichkeiten der Limis, zu ausgeprägt deren Eigenheiten hinsichtlich der Nutzung der unterschiedlichsten Medien.
Jetzt witterte Helena, das Verlagsküken, ihre Chance. Die sollen nur mal sehen, was die an mir haben, dachte sie. Was hatte sie sich im Vorfeld auf die von den anderen so oft erwähnte Feier gefreut! Nicht nur wegen der Möglichkeit, dem etwas verstaubten Dresden für ein Wochenende zu entkommen, sondern auch, um die anderen Limis kennenzulernen, Ideen auszutauschen und Interna zu erfahren. Ganz klar: Jetzt war Helenas Organisationstalent gefragt! In der Woche vor dem dritten Advent rief sie Einen nach dem Anderen an, um Pläne zu schmieden. Sie schaffte es sogar, Maria, die sonst eher im Hintergrund agierte, davon zu überzeugen, ihre Verabredung für den vierten Adventssonntag abzusagen und sich ein Ticket für den Fernbus nach Leipzig zu buchen.

Und also begab es sich, dass sie sich aufmachten an den Rand der Stadt am Nachmittag des vierten Advents: Raik bestieg trotz Eiseskälte sein Fixie-Bike, Friedericke und Stella rannten zur Straßenbahn, Maria träumte im Bus von ihrem abgesagten Date, Torben holte Luisa mit dem Auto ab, und selbst Anja hatte ihren uralten Mercedes noch einmal dazu bewegen können, zusammen mit Helena die Strecke von Dresden nach Leipzig anzugehen. Und so standen sie mit köstlichen Salaten, frischem Gebäck, rotem Wein und kaltem Bier vor Karls Haus, bereit zum Überfall. Wenn der Berg schon nicht zum Propheten kommt …
Als aber alle eingetreten waren, wunderten sie sich sehr: Die Tafel war feierlich gedeckt! Mittendrin stand eine Feuerzangenbowle und für jeden Limi-Mitarbeiter lag ein prächtig verpacktes Geschenk mit Namensschildchen bereit. Im Hintergrund sang Manne Krug jazzige Weihnachtslieder, und die altmodische Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge drehte ihre Runden. Die vorhin noch von unausgesprochenen Vorwürfen und dezentem Aufruhr erfüllte Stimmung wandelte sich in Sekundenschnelle in eine fröhliche, ausgelassene Atmosphäre.
Als sich etliche Stunden später alle gut gelaunt und frohen Mutes auf den Weg machten, fragte Luisa den Verlagschef mit einem etwas schnippischen Unterton: „Wer hat Dir nur von unserer geheimen Überraschungsparty erzählt?“ Seine kurze und einleuchtende Antwort lautete: „Niemand musste mir davon berichten. Ich wusste genau, was geschehen würde! Schließlich habe ich die Geschichte zum vierten Advent doch selbst geschrieben!“

Kurzgeschichte zum 3. Advent

Mirakelmans erster Fall – eine Kurzgeschichte von Thekla Kraußeneck

Die verrückte Idee kam Miriam kurz vor dem Einschlafen: Endlich wusste sie, was sie ihrem Bruder zu Weihnachten schenken würde. Eine komplizierte Sache, nicht ganz ungefährlich, aufwendig; ihre Mutter würde vermutlich Tausend Tode sterben, wütend über das spurlose Verschwinden ihrer geliebten Christbaumspitze, ängstlich über Tims Verbleiben und völlig durch den Wind angesichts der Verwandtschaft, die bei dem Durcheinander auch noch würde bespaßt werden wollen. Ihre Mutter würde womöglich sogar die teure Gans im Ofen verbrennen lassen, die sie sich schon vor Wochen beim Bauern reserviert hatte. Aber Miriam war es das wert. Sie hatte noch nie eine bessere Idee gehabt.
Vor ungefähr zwei Monaten hatte Miriam die doppelte Identität ihres kleinen Bruders aufgedeckt. Sie wurde im März vierzehn, Tim im Sommer zehn. Sie hatte ihn immer für ein kleines Kind gehalten. In Wirklichkeit trug er das Schicksal einer ganzen Stadt auf den Schultern. Als sie ihrer Mutter damals mit der Wäsche geholfen hatte, war sie in der Sockenschublade in Tims Zimmer auf ein winzig klein zusammengefaltetes rotes Tuch gestoßen, auf das er mit gelber Acrylfarbe ein loderndes M gemalt hatte. Dazu gehörte eine blaue Maske mit Schlitzen für die Augen, zur Tarnung. Schließlich durfte da draußen niemand wissen, dass sich hinter dem geheimnisvollen Mirakelman in Wahrheit niemand Geringeres als Tim verbarg. Miriam glaubte, dass er eigentlich Miracle Man hatte schreiben wollen; wahrscheinlich hatte er nicht gewusst, wie man das Wort aussprach, und so wurde daraus Mirakelman. Jedenfalls war Miriams kleiner Bruder ein waschechter Held. Seine Superkraft hatte es in sich: Er konnte jedes noch so schwere Rätsel knacken. Das hatte er sogar schriftlich. Es stand auf einer Urkunde des letzten Knobelwettbewerbs der Karl-Weise-Grundschule, bei dem er den ersten Platz belegt hatte. Das Blatt lag gleich unter dem Umhang.
Miriam wusste inzwischen ziemlich gut Bescheid, denn Tim führte ein Superhelden-Logbuch, das „Mirakelbuch“. Dass er eine heimliche Leserin hatte, wusste er natürlich nicht, denn sie las es nur mittwochs, wenn Tim am Nachmittag Französisch hatte. Um sich für den Kampf gegen das Unrecht zu wappnen, trainierte er, indem er mit wehendem Umhang und bedeutungsschwerem Gang durch den Wald schritt und dabei mit Stöcken auf Büsche einschlug – sie war ihm einmal gefolgt, verborgen hinter Bäumen. Leider drohte all das Training umsonst gewesen zu sein: Zuletzt hatte Tim im Mirakelbuch die Erkenntnis notiert, dass niemand einen Helden brauchte, solange es keinen Schurken gab. „Ein man muss tun was ein man tun muss“, hatte Tim geschrieben. Gleich nach Weihnachten wollte er den Umhang an den Nagel hängen.
Tim hatte vermutlich keine Ahnung, wie traurig er in den letzten Tagen ausgesehen hatte. Miriam hingegen schon. Und weil sie wegen dieser Idee, die ihr jetzt im Kopf rumging, sowieso nicht mehr schlafen konnte, schälte sie sich aus dem Bett, setzte sich an den Schreibtisch und legte los.

Eine Woche später klingelte es am späten Nachmittag an der Tür. Tante Lydia aus Stuttgart kam mit Mann, Hund und Kindern, inhalierte noch im Flur entzückt den Duft der im Ofen schmorenden Gans, wuchtete zwei Ikea-Taschen voll Geschenke ins Wohnzimmer und drückte erst Miriam und dann Tim an die knochigen Schultern. „So groß seid ihr geworden – das riecht ja köstlich! – Aus, Mario, aus. – Er ist so aufgeregt! – Warum steht denn euer Baum noch nicht?“ Gemeinsam zogen sie im Garten das Netz von der Tanne und stopften sie im Wohnzimmer in einen Metallfuß. Tim saß lustlos auf dem Sofa und spielte mit dem Smartphone, als hätte er an Weihnachten nicht das leiseste Interesse. Niemand konnte ihn aufmuntern. Onkel Markus, der das am besten wusste, weil er es eine halbe Stunde lang versucht hatte, entwirrte nun lieber die Lichterketten.
Plötzlich stand Miriams Mutter mit ernstem Gesicht zwischen ihnen. „Wo ist mein Stern?“, fragte sie in die Runde. Die Schachtel aus der Kommode, in der sie den Weihnachtsschmuck lagerte, war leer: Das Styropor ließ die elegante Form der Christbaumspitze erkennen, doch von dieser fehlte jede Spur. Tante Lydia erkundigte sich ganz genau nach Farbe, Herkunft und Wert des Sterns – golden, ein Erbstück, unbezahlbar –, nur um am Ende hilflos mit den Achseln zu zucken. Miriam spürte, wie der Frust mit gespreizten Händen nach ihrer Mutter griff, und ging in Deckung, indem sie aus dem Zimmer huschte. Im Augenwinkel sah sie, wie sich Tim kerzengerade aufsetzte: Er hatte gerade eine SMS erhalten, von einer Freundin, die Miriam damit beauftragt hatte.
Sie lautete: Schnell, Mirakelman. Nur du kannst den Weihnachtsstern retten!

Tim hatte sich seit Wochen nicht mehr so hellwach gefühlt. Er schlich sich aus dem Wohnzimmer, in dem die Mutter immer wieder rief: „Das kann doch nicht sein!“, und stürzte hinauf in sein Zimmer. Als er sich gerade den Umhang und die Maske unter die Jacke schob, ging die zweite Nachricht auf dem Handy ein. Suche vor dem Haus nach einem Baum mit großen Knospen. Mehr stand da nicht. Woher wusste der Absender von Mirakelmans Existenz?
Kurz darauf zog Tim so leise wie möglich die Haustür hinter sich zu. Nacht lag auf der Stadt, und so hatte er schnell eine finstere Ecke gefunden, in der er sich den Umhang überwerfen und die Maske aufsetzen konnte. Die Luft roch nach Schnee, eine Jacke hatte er vergessen, doch er war ohnehin viel zu aufgeregt zum Frieren. Ein Baum mit großen Knospen stand im Garten des Nachbarn: eine Magnolie. Am Zaun darunter bemerkte er einen Zettel, den jemand mit einem roten Faden ans Holz gebunden hatte. Er entfaltete ihn und las.
Mirakelman! Heute Abend ist etwas Schreckliches passiert. Die finstere Mondkaiserin ist auf der Erde gelandet und hat alle Weihnachtssterne verschwinden lassen. Niemand weiß, dass ohne die Sterne das Fest zerstört wird! Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Du bist unsere einzige Hoffnung. Hilf mir, die Mondkaiserin zu bezwingen. Aber pass auf! Ihre Schergen sind bereits hinter uns her. Ich muss mich jetzt beeilen. Geh zum Briefkasten am Ende der Straße, dort wirst du die nächste Nachricht von mir finden … ein Verbündeter.
Tim sah zu, dass ihn niemand zu Gesicht bekam, als er loslief: Er umrundete die Straßenlaternen, sprang von Auto zu Auto und drückte sich an Bäume, wenn ein Wagen vorbeikam. Als er den Briefkasten erreichte, begannen dicke Flocken vom Himmel zu fallen. Diesmal klebte die Nachricht am Metall, er riss sie herunter und faltete sie auseinander. Da stand:
Sehen kannst du mich nicht, aber spüren, wenn ich dich in die Nase zwicke. Ich verwandle Tropfen in Sterne und Flüsse in Straßen, aber alles, was blüht, flattert oder summt, versteckt sich vor mir. Wenn du die Antwort weißt, schreib sie mir!

Tim riss das Handy aus der Hosentasche und tippte die Antwort. Wie einfach – einfach für ihn! Nach wenigen Sekunden reagierte der geheimnisvolle Verbündete. Das ist richtig, schrieb er und Tim machte einen kleinen Luftsprung. Die nächste Nachricht aber ließ ihn erstarren: Oh, nein! Die Monster der Mondkaiserin sind hinter dir. Du hast drei Minuten, um zur Kirche zu laufen. Schnell!

Miriam schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzulachen. Auf der anderen Straßenseite sah sie ihren Bruder, der plötzlich wie ein geölter Blitz in Richtung Kirche losflitzte. Sie hielt sich zwischen parkenden Autos versteckt und achtete darauf, von Tim nicht erspäht zu werden. Wie gut, dass sich um diese Uhrzeit so gut wie niemand mehr draußen aufhielt: Die meisten Leute saßen wohl bereits am Esstisch oder packten Geschenke aus.
Kaum hatte Miriam den Gedanken beendet, begann das Handy laut zu vibrieren. Sie sah auf das Display: ihre Mutter. Sie hob ab. Wo sie stecke, wollte diese wütend wissen: Miriam flunkerte spontan, sie habe etwas bei einer Freundin vergessen und wolle es schnell holen. Tim? Ja, der sei auch dabei. Miriam gab das Versprechen, sofort nach Hause zu kommen, und legte auf.
Sie musste sich beeilen, um Tim auf den Fersen zu bleiben: Als sie die Kirche erreichte, hatte er bereits das nächste Rätsel entdeckt. Sie konnte fast hören, wie es hinter seiner Stirn arbeitete: Dieses Rätsel war deutlich schwerer als das erste. Miriam dachte mit schlechtem Gewissen an ihre Mutter. Eigentlich musste sie zu Tim hingehen und die Sache abbrechen … aber vielleicht würde es reichen, sie nur zu verkürzen. Sie musste nur zum Waldfriedhof laufen, wo sie den Stern unter einer Bank versteckt hatte, und ihn zur Schule bringen, wo das fünfte Rätsel lag. Wenn sie dann den letzten Zettel austauschte, könnte sie es so aussehen lassen, als wäre die Schnitzeljagd vorbei.
Sie ließ Tim an der Kirche zurück, schlich geduckt in eine Seitenstraße davon und rannte los. Zum Friedhof war es nicht allzu weit. Schade nur um das Szenario: Mirakelman sollte an der Schule in das Refugium der Mondkaiserin eindringen und dort den Kontakt zu dem Verbündeten verlieren. Von da an wäre es die Mondkaiserin, die versuchte, ihn in die Irre zu führen. Am Ende tauchte der Verbündete unverhofft wieder auf und stellte Tim ein besonders kniffliges Rätsel, mit dem die Schurkin besiegt werden könnte. Daraufhin verriet der Verbündete dem Mirakelman das Versteck des Sterns. Miriam war ungeheuer stolz auf diese Geschichte und ärgerte sich darüber, dass sie die ganze Sache jetzt so plötzlich abbrechen musste. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Familie ihr Verschwinden so schnell bemerken würde.
Der Friedhof wirkte so verlassen wie nie zuvor; eine dünne Schicht Schnee lag auf der Zufahrt, den Bäumen, den Gräbern. Zwei Spaziergänger hatten eine taumelnde Spur von Fußabdrücken hinterlassen. Miriam fand die bewusste Bank und bückte sich nach der Tüte mit dem Stern – dann stutzte sie. Die Tüte war nicht da. Hektisch sah sie sich nach einer anderen Bank um, mit der sie diese hier verwechselt haben konnte, doch es gab keine. Sie wusste auch noch haargenau, dass sie die Tüte unter dieser hier versteckt hatte.
Unschlüssig ging sie vor der Bank auf und ab, bemüht, einen klaren Gedanken zu fassen. Was mach ich nur, dachte sie verzweifelnd. Meine Mutter bringt mich um! Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte auf die langsam unter dem Neuschnee verblassenden Fußspuren auf dem Friedhofsweg. Die Spaziergänger! Ob sie den Stern wohl gefunden und mitgenommen hatten? Ohne noch einen weiteren Gedanken zu verschwenden, lief Miriam ihnen nach.

Tim erreichte die Schule und wunderte sich kaum über das, was dort geschah: Der Verbündete erlag den Monstern der Mondkaiserin, so stand es auf dem nächsten Zettel geschrieben, den er am Fahrradhäuschen fand. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt, dachte Tim und rückte sich die Maske zurecht. Als nächstes ging es anscheinend zum Jugendzentrum, wo sich – nach jüngsten Informationen – ein feindlicher Stützpunkt der Mondkaiserin befand. Er musste gut aufpassen, sonst erging es ihm noch wie dem Verbündeten …
Er lief gerade ohne jede Deckung über die Straße, als er auf einmal Stimmen hörte. Rasch versteckte er sich in einem hölzernen Bushäuschen und lauschte nach der Quelle. Entfernte sie sich, kam sie näher? Hatte er noch Zeit, sich unsichtbar zu machen? Ruhig Blut, dachte er, wobei er den Kopf aus dem Bushäuschen schob und die Straße hinaufblickte. Da ging ein Pärchen, und hinter ihnen ein Mädchen, das lautstark mit der Frau stritt – einer streng aussehenden Frau mit sehr dünnen Lippen. Sie trug eine Plastiktüte unter dem Arm. Jetzt rief sie: „Man kann doch so etwas nicht einfach wegwerfen und dann behaupten, dass es einem selbst gehört, wenn es jemand anderes findet!“ Und das Mädchen antwortete etwas, das Tim nicht verstand. Die Stimme aber erkannte er. Miriam! Was hatte sie denn hier zu suchen? War sie nicht zu Hause? Zu allem Überfluss kam das streitende Trio auch noch direkt auf das Bushäuschen zu. Tim schlug das Herz bis zum Hals. Ob Miriam ihn erkennen würde? Das hatte er sich schon immer gefragt, seit er die Maske das erste Mal aufgesetzt hatte.
„Es gehört mir, ich hab es gefunden“, sagte die Frau, jetzt ganz nah.
Bitte!“, rief Miriam. „Ich sage die Wahrheit, ich wollte nur …“
„Das ist mir egal, ich habe es gefunden, also darf ich es behalten, oder?“
Tim verstand, dass es um die Tüte im Arm der Frau ging. Ob sich darin wohl … Aber natürlich! Aufgeregt starrte er die Tüte an. Aus irgendeinem Grund hatte er nicht den geringsten Zweifel. Der Stern. Und Miriam, Miriam hatte die Diebin vor ihm gefunden. Gute Arbeit. Aber jetzt musste ein echter Profi übernehmen. Tim sammelte seinen ganzen Mut und sprang hervor.

Miriam bekam einen gehörigen Schrecken, als Tim ihnen plötzlich in den Weg hüpfte, und auch die Frau rief laut: „Huch!“ Tim stemmte die Hände in die Hüften und erklärte bedeutungsvoll: „Mondkaiserin! Ich bin Mirakelman und ich weiß alles über dich. Du hast den Weihnachtsstern gestohlen. Ich werde nicht zulassen, dass du Weihnachten kaputtmachst! Ich werde dich besiegen!“
Miriam merkte, wie sie heiße Ohren bekam. Die Frau – nach einem Moment verdutzten Schweigens – fing laut an zu lachen. Nur Tim blieb so ernst wie am Anfang, als wäre er nicht nur ein Junge in einem bemalten Umhang. „Ich fordere dich heraus!“, sagte er. Doch weil er noch nicht im Stimmbruch war, konnte Tim das Lachen der Frau nicht übertönen.
Ein Geistesblitz traf Miriam, und sie verlor keine Zeit. „Ein Wettstreit!“, rief sie. „Ihr müsst euch im Rätselraten messen. Ich stelle dir die Rätsel“, sie zeigte auf die Frau, „und dein Mann stellt Mirakelman die Rätsel.“ Das Lachen der Frau verebbte und sie hob die Augenbrauen, als hätte sie noch nie etwas Dümmeres gehört. Miriam setzte nach: „Oder traust du dich nicht gegen Kinder?“
Jetzt tauschte die Frau einen Blick mit dem Mann, der das ganze amüsiert grinsend verfolgt hatte. Er zuckte die Achseln.
„Na, gut“, sagte die Frau. „Aber wir fangen an.“
Der Mann dachte ein bisschen nach und stellte Tim dann eine Rechenaufgabe statt eines Rätsels, einhundertdreizehn mal zwölf. Tim senkte das Kinn und begann zu grübeln. Miriam wollte schon einschreiten, schließlich war von Rätseln die Rede gewesen, nicht von Mathe, als Tim rief: „Eintausenddreihundertsechsundfünfzig!“ Miriam wartete darauf, dass der Mann ein Zeichen dafür gab, ob das Ergebnis stimmte, doch dann zog er das Handy hervor und gab die Aufgabe in den Taschenrechner ein. „Das ist korrekt“, sagte er verblüfft.
„Okay, dann jetzt ich“, sagte Miriam. „Jemand öffnet verbotenerweise eine Tür, nimmt etwas heraus und schließt sie wieder. Tags darauf öffnet er die Tür wieder, aber diesmal macht er sie nicht mehr zu. Warum?“
Die Frau starrte mit großen Augen auf Miriam herab. Der Mann gab einen bewundernden Laut von sich, worauf ihm die Frau den Ellenbogen in die Seite stieß. Miriam sah Tim an, dass er sich den Kopf zermarterte; plötzlich aber hellte sich sein Gesicht auf. Miriam verkündete: „Wenn du es nicht weißt, sagt es der Mirakelman, und dann haben wir gewonnen!“
Die Frau gab ein abfälliges Schnauben von sich. „Sind wir hier eigentlich im Kindergarten? Komm, wir gehen nach Hause.“
„Es ist ein Adventskalender“, rief Tim. „Er konnte nicht warten und hat das nächste Türchen einen Tag früher geöffnet. Deshalb kann er es am nächsten Tag offenlassen, am Tag davor aber noch nicht.“
Eine Woge des Stolzes überkam Miriam. „Richtig!“
„Und jetzt rück den Stern heraus!“, sagte Tim und streckte die Hand aus. Die Frau aber verengte die Augen zu Schlitzen und machte keine Anstalten, ihm die Tüte zu reichen. Mist, dachte Miriam, was jetzt? Auch Tim sah nicht aus, als wüsste er, wie er reagieren sollte. Da geschah etwas Unerwartetes: „Jetzt gib ihnen das Ding schon zurück“, sagte der Mann, nahm der verblüfften Frau kurzerhand die Tüte weg und reichte sie Tim. „Frohe Weihnachten“, sagte er.
Spinnst du?“, keifte die Frau. Der Mann nahm sie am Arm und zog sie weg von Miriam und Tim; sie konnten sie den ganzen Weg die Straße hinab schimpfen hören („Nur weil diese Gören nicht auf ihr Zeug aufpassen – weißt du, was der Stern vielleicht wert war –“), dann bog das Pärchen um eine Ecke.
Miriam ließ einen erleichterten Seufzer los. „Das war knapp!“
Tim räusperte sich. „Gehört das dir?“, fragte er, anscheinend in dem Glauben, nicht von ihr erkannt worden zu sein. Miriam spielte mit.
„Ja, vielen Dank! Es ist mir geklaut worden“, sagte sie. „Vielen Dank, Mirakelman. Was hätte ich nur ohne dich getan?“
„Es war mir ein Vergnügen“, sagte Tim gewichtig.
In diesem Moment fiel Scheinwerferlicht durch das Schneegestöber und Autoreifen knirschten über den Schnee. Sie drehten sich nach dem Wagen um und erkannten ihn sofort, genau wie das Gesicht, das sich aus dem Fenster schob. „Miriam! Tim! Was macht ihr hier draußen?“, rief ihre Mutter. „Ihr steigt jetzt sofort ins Auto ein! Es ist kalt und die Gans brennt mir noch an und Tim, was hast du da eigentlich an?“ Kurz darauf knallten die Autotüren, der Motor heulte auf und Miriam und Tim schnallten sich an. Betreten schweigend saßen sie nebeneinander, während ihre Mutter ohne Unterlass mit ihnen schimpfte. „Wie könnt ihr an Heiligabend einfach weggehen, ich habe mir Sorgen gemacht! – Was –?“ Tim reichte ihr die Tüte, und als sie den Stern darin entdeckte, verstummte sie prompt. Vielleicht dachte sie darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte.
Tim nahm die Maske ab und drehte sie in den Händen. „Was soll’s“, sagte er leise. „Das nächste Mal trete ich der Mondkaiserin in den Hintern.“
„Da bin ich sicher“, sagte Miriam überzeugt. Im Stillen tüftelte sie bereits an Mirakelmans zweitem Fall.

Kurzgeschichte zum 2. Advent

Ein Weihnachtsfest zum Kotzen – eine Kurzgeschichte von Philippe Smolarski
(Übersetzung: Isabella Clausing und Rémi Hagedorn)

– Papa, warum haben wir keinen Weihnachtsbaum zuhause?
– Wirst du aufhören, solchen Unsinn zu erzählen? Du weißt doch ganz genau warum. Willst du etwa auch einen Weihnachtsmann? Du weißt doch, dass er nicht existiert, und außerdem feiern wir Hanoukka, das ist doch ein tolles Fest.

Ja, Hanoukka ist ein schönes Fest, ich erinnere mich an den Kerzenleuchter, den man anzündet, das gemeinsame Lachen und Singen, die Geschenke, die ich bekam, und das Dreidelspielen … es ist einfach anders … das Ganze funkelt irgendwie weniger, es gibt keinen Weihnachtsmann und es gibt vor allem keinen Weihnachtsbaum, keine bunten Christbaumkugeln und keine Lichterketten … ach, es ist echt schwierig, wenn man ein Knirps ist und man seine Klassenkameraden sieht, die sich auf die Weihnachtsferien vorbereiten und sich freuen; man muss lügen und so tun, als wäre man so aufgeregt wie sie. Außerdem gibt es in Straßburg den Weihnachtsmarkt, den berühmten Christkindelsmärik, der so schön ist: am Weihnachtsabend flanieren die Leute dort mit ihrer Familie, kaufen Honig und Marmelade, essen Zuckerwatte und Waffeln, machen ein Foto mit dem Weihnachtsmann; die Erwachsenen trinken Glühwein, Bier oder Weine aus dem Elsass und essen knackige Würste.

Bis in meine Jugend hinein war diese Zeit etwas Aufregendes, aber ich fand irgendwie, dass es eine große Ungerechtigkeit auf der Welt gab: Warum war Weihnachten schöner als Hanoukka? Mit 16 Jahren jedoch erhielt ich mein schönstes Weihnachtsgeschenk und es war zugleich das erste Mal, dass ich den 24. Dezember gefeiert habe. In diesem Jahr fiel das jüdische Fest Hanoukka auf die Tage vor Weihnachten.
Es gab in meiner Klasse ein Mädchen, welches Objekt meiner Begierde und Stoff meiner jugendlichen Fantasien war: Ein großes blondes Mädchen aus gutem Hause, eine richtige Aristokratin, deren Vorfahren bis zum Mittelalter zurückverfolgt werden konnten. Sie hieß Estelle. Oh, ich selbst war auch aus „gutem Hause“, ich komme aus einer Intellektuellenfamilie der örtlichen Bourgeoisie. Mit jüdisch-polnischen/deutschen Wurzeln ist das aber nicht das Gleiche. Mein Großvater hatte zwar kein Schloss, er verkaufte aber Gänse in einem Schtetl … ja, ich erzähle das zwar alles, aber mit 15 Jahren hat man über so etwas noch nicht nachgedacht. Ich dachte einfach nur daran, meine Jungfräulichkeit zu verlieren und Sex zu haben. Ich hatte Estelle schon eine ganze Weile auf dem Schulhof angegraben, aber sie war zurückhaltend und ich schaffte es nicht sie zu küssen. Aber ich merkte, dass sie Interesse an mir hatte. Am Tag vor den Ferien war es Estelle, die auf mich zukam.

– Hallo, was machst du an Weihnachten?
– Ach, keine Ahnung … Ich werde wahrscheinlich zu Hause bleiben, aber hast du nicht Lust, zusammen eine Runde über den Weihnachtsmarkt zu gehen?
– Ja, warum denn nicht, aber ich wollte eigentlich nur wissen, ob deine Eltern was dagegen hätten, wenn du an Weihnachten zu uns kommst. Wir könnten Weihnachten zusammen mit meiner Familie verbringen. Mein großer Bruder und seine Freundin werden auch da sein.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich rot wurde und irgendetwas vor mich hingestammelt habe, aber selbstverständlich begeistert war und zusagte. Auf dem Heimweg überlegte ich, was ich meinen Eltern sagen würde. Zuhause ging ich direkt zu meiner Mutter und sagte ihr, dass ich Heiligabend bei Estelle eingeladen wäre. Seltsamerweise gab meine Mutter ihr Einverständnis, machte mir aber klar, dass ich mich dort gefälligst zu benehmen habe.
Abends im Bett holte ich mir einen runter, während ich an Estelle dachte: Ich stellte mir ein romantisches Szenario vor, in dem wir uns ein Zimmer teilen; wir küssen uns unaufhörlich und ich entdecke, während ich sie langsam ausziehe, ihre zarten Brüste, ihre Beine, ihre Schenkel und ihr Schamhaar, welches in echt vermutlich dieselbe Farbe hat wie ihr goldenes Haar.

Am nächsten Tag stand ich mit einer Schallplatte, die Estelle mochte, vor ihrer Tür. Außerdem hatte ich eine Flasche Wein dabei, die mir meine Mutter für ihre Eltern als Geschenk mitgegeben hatte. Estelle öffnete die Tür. Sie trug eine ausgewaschene Jeans, ein Jeanshemd und Turnschuhe; es kam mir auch so vor, als ob sie keinen BH trug.

– Ah, du bist es, Michel, komm rein und fühl dich wie zuhause. Die Flasche Wein ist ja ne gute Idee.

Sie machte das Geschenk auf und schaute kurz auf das Plattencover; sie sagte nur, ach ja, ok, legte es in die Ecke am Eingang und verschwand mit der Flasche Wein. Ich fand mich in einem großem Wohnzimmer wieder, in dem mich die Gemälde ihrer illustren Ahnen argwöhnisch anschauten und die edlen Möbel und chinesischen Porzellanvasen einschüchterten. Dabei dachte ich aber nur an Estelles Brüste. Aus dem riesigen Flur waren Schritte zu hören. Ich glaubte, dass Estelles Eltern nach Hause gekommen waren, aber es war ihr Bruder mit seiner Freundin. Seitdem ist viel Zeit vergangen und ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern, aber an das Gespräch, als ob es gestern gewesen wäre:

– Ich glaube, wir werden viel Spaß haben, jetzt wo die Alten nicht da sind. Sie sind zusammen in ein romantisches Hotel gegangen. Ich habe übrigens auch noch ein paar Freunde eingeladen und habe sogar eine Überraschung: Es wird was zu trinken, zu rauchen und zum Spaßhaben geben.

Er ließ mir keine Zeit zu antworten. Estelle war in die Küche gegangen und hatte die Flasche Wein aufgemacht. Es war später Nachmittag und man fing langsam an zu trinken. Langsam kamen noch ein paar Leute dazu, die alle älter waren als Estelle und ich, sie waren alle Studenten. Der Anfang des Abends war ganz nett, aber ich stand etwas einsam in der Gegend rum, während Estelle, die viele Leute kannte, durch die Gegend wirbelte und von einem Gespräch zum anderen hüpfte. Manchmal kam sie zu mir und warf mir verführerische Blicke zu, nur um eine Sekunde später wieder zu verschwinden. Ich schaute den beeindruckenden Weihnachtsbaum an, der den anderen total egal zu sein schien, und die Zeit verging. Etwas später am Abend hatte der Bruder einen Teil des Hauses in eine Disko umgewandelt. Langsam heizte sich die Stimmung auf, Körper berührten sich und es wurde auch geknutscht.

Estelle, die verschwunden war, tauchte aus dem Nichts auf und fragte mich, ob ich draußen eine Runde drehen wolle, auf dem Weihnachtsmarkt den großen Baum anschauen. Ich war begeistert und sagte natürlich Ja, da ich so endlich mit ihr zusammen sein würde. Auf dem Weg hielt sie plötzlich an und forderte mich auf sie zu küssen. Das Paradies des ersten Kusses: Weihnachten war wirklich das schönste Fest des ganzen Universums. Sie fragte mich, ob ich mit ihr in die Mitternachtsmesse gehen wolle. Ich wusste nicht wirklich, was ich antworten sollte, und sie schaute mich für einen kurzen Moment ernst an, aber wir schafften es, gerade rechtzeitig zum Anfang der Messe da zu sein. Während der ganzen Predigt hörte Estelle nicht auf mich anzustarren, um zu sehen, wie der einzige jüdische Junge aus ihrer Klasse aus dieser Situation herauskommen würde. Die Messe ging zu Ende und sie nahm mich wieder zu sich nach Hause.

Seltsames Lachen, absurde Musik und animalische Geräusche waren im Haus zu hören. Estelle nahm mich direkt mit in ihr Zimmer. Es war immer noch das Zimmer eines jungen Mädchens: Puppen lagen auf dem Tisch neben ihrem Schulranzen und den Schulbüchern. An den Wänden hingen Poster von Lou Reed und den Rolling Stones. Ich schaute auf das Bett und dachte, dass der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte, endlich gekommen war. Estelle war wieder verschwunden, aber sie kam schnell mit zwei Joints zurück, die ein Freund von ihrem Bruder für uns gebaut hatte.

– Estelle, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, wir haben schon was getrunken und außerdem habe ich noch nie Gras probiert.
– Ach, hör auf, du bist doch kein Kind mehr, oder? Oh doch, wir werden die Joints rauchen, aber nicht hier in meinem Zimmer. Komm, wir gehen ins Wohnzimmer.

Die Studenten waren entweder schon gegangen oder hatten sich pärchenweise in eines der vielen Zimmer des riesigen Hauses zurückzogen. Es blieben also nur noch wir beide im großen Wohnzimmer. Wir setzen uns neben den Weihnachtsbaum und Estelle zündete den ersten Joint an, nahm einen großen Zug und reichte ihn mir herüber. Ich hatte zwar schon heimlich mit einem Freund ein paar Kippen geraucht, aber noch nie Gras. Es war ein Test von Estelle, sagte ich mir, um herauszufinden, ob ich ein echter Kerl war, also habe ich einen langen Zug genommen.

Dann fangen die Erinnerungen an zu verschwimmen und werden trübe. Ich kann mich daran erinnern, dass wir lachten, uns mehrmals küssten, sie einige Knöpfe ihrer Bluse öffnete, damit ich ihre Brüste streicheln konnte, und dass mir kotzübel wurde … dann erinnere ich mich vor allem an den nächsten Morgen. Das Wohnzimmer war auf den Kopf gestellt. Estelle schlief und hatte eine Lichterkette wie einen Schal um den Hals gelegt. Ich lag halbnackt neben Estelle, und der Weihnachtsbaum war umgefallen, einige Äste berührten eine Kotzlache und ein paar Christbaumkugeln waren zerbrochen. Ihre Eltern entdeckten uns an diesem Morgen, sie waren früher heimgefahren als geplant. Ich dachte, dass mich der Vater und die Mutter umbringen würden.
Die Weihnachtsferien vergingen ohne weitere Abenteuer. Als die Schule weiterging, versuchte ich erfolglos mit Estelle zu reden, aber sie sprach bis zum Ende der Schulzeit nicht mehr mit mir.

Estelle, wenn du das jetzt liest: Ich wollte dir sagen, dass, obwohl ich enttäuscht war, dass das Ganze mit uns beiden nicht weitergegangen ist, du mir mein allerschönstes Weihnachtsfest beschert hast. Hast du nächste Weihnachten schon was vor? Ich verspreche dir, nicht mehr auf den Weihnachtsbaum zu kotzen.

Kurzgeschichte zum 1. Advent

Wolf Schmid: Ein kleines bisschen Horrorclown

Mario lauerte im Hinterhof der Metzgerei und hielt die gepflasterte Gasse im Blick, die von der Fußgängerzone zum Busbahnhof führte. Normalerweise kam hier selten jemand durch, aber seit auf dem Weihnachtsmarkt der Nikolaus in einem Iglu aus Pappmaché unter einem Heizpilz thronte, nutzte hin und wieder ein beseeltes Kind die Abkürzung, um trotz des Abstechers den Bus zu erreichen und pünktlich nach Hause zu kommen. Mario hatte einen Schweineschlegel aus dem Müllcontainer gefischt, mit Fuß dran, ganz gut erhalten, stank nur ein bisschen. Damit klopfte er gegen einen Balken im Fachwerk. Seit einer halben Stunde war keiner gekommen. Er grübelte schon, ob vielleicht sonst irgendwo ein besserer Platz wäre, da bog Jos in die Gasse.
Offenbar war er in Eile, aber alle paar Schritte blieb er kurz stehen und rückte seinen Rucksack zurecht. Mario duckte sich, hielt die Luft an und kurz bevor Jos auf seiner Höhe angelangte, hob er den Schlegel über den Kopf und trat langsam nach vorn.
Die Reaktionen seiner bisherigen Opfer konnte er einer von drei Gruppen zuordnen: Die aus der Ersten wurden hysterisch und hauten schnellstmöglich ab. Die aus der Zweiten versuchten Kontakt aufzunehmen – jammerten, bettelten, erbärmlich! Und die aus der Dritten regten sich nicht, bis sie, in einem Zeitraum von maximal fünfzehn Sekunden, in eine der anderen beiden Gruppen überwechselten.
Zu denen gehörte Jos offenbar. Seine großen, blauen Augen fixierten die Sehschlitze der Maske, aber sein schmächtiger Körper regte sich nicht. Mario zählte still die Sekunden. Bei Zehn wurde ihm der Schlegel so schwer, dass er ihn nicht mehr oben halten konnte. Er fasste mit beiden Händen um den Knöchel und schwang ihn langsam vor seiner Brust auf und ab. Der Gestank kroch unter die Maske und vermischte sich mit dem Gummigeruch. Um sich nicht übergeben zu müssen, blies er die Luft durch die Atemöffnung und zischte dabei wie eine Schlange.
Aber Jos blieb einfach stehen, die Augenlider ein paarmal auf und ab flatternd, eher konzentriert als nervös, weiter nichts. Mario nahm seine ganze Kraft zusammen und stieß den Schlegel nach vorn wie ein Sportfechter sein Florett, bevor er ihn sacken ließ und sich darauf stützte wie ein Invalide, den Kopf nach vorne geneigt, was besonders gemein aussah, ihm tatsächlich aber dazu diente, sein Blickfeld ein bisschen zu erweitern. Jos hob kaum sichtbar die Zehen in seinen Allstars und drückte sie wieder auf das Pflaster. Mario hatte aufgehört zu zählen, aber gleich – darauf wettete er mit sich selbst! – würde Jos in Gruppe Eins wechseln, hysterisch anfangen zu schreien, mit einer wahrscheinlich gebrochenen Jungenstimme, und dann die Flucht ergreifen, zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
Aber stattdessen kam Jos einen Schritt auf ihn zu, drückte sich auf die Fußballen, holte aus und verpasste ihm eine knallende Ohrfeige. Jetzt ergriff Mario die Flucht – zum ersten Mal, seit er an dieser Stelle lauerte, zum zweiten Mal überhaupt. Aber damals war es ein groß gewachsener Mann gewesen, der ihn von hinten am Jackenkragen griff und drohte, ihn zu erwürgen und seinen Leichnam im Fluss zu versenken, wenn er mit diesem Blödsinn nicht aufhörte.
Er ließ den Schlegel fallen, sprang mit einem Satz in den Hof, stemmte sich auf den Müllcontainer, zog die Beine nach, dann weiter auf das Garagendach, von dem er in den Garten nebenan hätte springen können, so wie er es immer geübt hatte. Aber zuerst wandte er sich noch einmal um. Jos machte keinerlei Anstalten, ihm hinterherlaufen zu wollen. Er sah nur hinauf, anscheinend selbst überrascht von seiner Reaktion. „Scheiße!“, sagte Mario, zog die Maske vom Gesicht und rieb seine glühende Backe.